Dienstag, 27. November 2007

+ Darjeeling

Besser mit Nachfragebarometer


Als ich noch jung und grün war, also ungefähr gestern, habe ich mich oft gewundert. Auch über Spiele. Warum kam nach einem echten Kracher so eine Graupe? Warum kam nach EL GRANDE so ein Spielchen wie STORY? Warum kam nach MANHATTAN so ein grafisches Fiasko wie CANALETTO? Heute bin ich klüger, denn Erkenntnis ist über mich gekommen. Warum sollte sich ein Verlag dolle ins Zeug legen, wenn man gerade ein Spiel des Jahres im Sack hat? Konkurrenz im eigenen Hause schadet nur.


Gibt es deshalb DARJEELING? Für eine Antwort auf diese Frage schicke ich Sie nach Indien, Sri Lanka und China. Der Osten bringt Erkenntnis. Aus lauter quadratischen Plättchen entsteht eines dieser Länder. Auf jedem Plättchen sind Kistenhälften abgebildet, entweder ein, zwei oder drei Dreiecke – die Plättchen sind diagonal geviertelt. Mehre Plättchen einer Farbe ergeben ganze Kisten ... aus lauter gleichfarbigen Kistenhälften. Ostfriesenmischungen gibt es hier nicht, nur sortenreinen schwarzen, grünen, weißen und roten Tee.

Auf der Auslage laufen Arbeiterinnen herum, den Einkaufswagen vorne weg. Das sind sicherlich viel sympathischere Wesen als die Inderin auf dem Cover. Die hat einen so stechenden Blick, ich trau mich nicht näher ran. Zum Glück ist die Schachtel riesig und das Cover entsprechend groß, da muss ich ihr ja nicht in die Augen schauen. Ich konzentriere mich lieber auf den Einkaufswagen, der die Figur „einnordet“. Die Zugrichtung wird damit vorgegeben. Man darf vor dem Zug kostenfrei entweder rechts oder links abbiegen und dann ein Feld weiter ziehen. Alles andere ist kostenpflichtig. Das erreichte Plättchen kommt hinter den Sichtschirm.

Das ist ein bisschen wiggelig, weil man a) gerne zuerst die Figur zieht, b) das Plättchen unter der Figur herauspuhlt und c) auch noch ein neues Plättchen aus dem Sack ziehen und wieder unter die Figur stellen muss. Alternativ hält man a) mit der linken Hand die Figur hoch, nimmt b) mit der rechten das Plättchen, legt c) ein freundlicher Mitspieler ein neues Plättchen und vergisst d) welche Ausrichtung die Figur hatte. Probieren Sie diese Variante: Figur ausrichten und ziehen, verlassenes Plättchen nehmen und neues an die Leerstelle legen. Ist viel eleganter.

Die Zieherei auf der Auslage wäre allzu eintönig, gäbe es nicht die geschickte Punkteermittlung. Punkte gibt es für verschiffte Kisten, allerdings nicht sofort. Erst wenn man wieder an der Reihe ist, schaut man wo der Kahn mit den eigenen Kisten steht. Neben den Schiffen stehen Multiplikatoren, und je weiter man unten in der Reihenfolge steht, desto weniger wert ist die Fracht. Wenn man fünf Kisten verlädt, die Mitspieler aber sofort darauf reagieren, bekommt man u.U. nur fünf statt der erhofften 15 Punkte. Je mehr Leute ihre Teekisten verschiffen, desto unattraktiver der Multiplikator. Und spätestens nach der ersten vor sich hin dümpelnden Partie erkennt man, das Tempo im Spiel steckt. Plötzlich gewinnt einer, weil es eben auch ums Verschiffen geht und nicht ums Horten von halben Kisten.

Ich hätte das Spiel nach den ersten beiden Partien fast als zu mechanisch abgeschrieben, als ich eine grandiose Niederlage erfahren durfte. Ohne viel Federlesens verschiffte Jürgen sofort zwei Kisten, bevor wir anderen A sagen konnten, das reichte dann für einen Start-Ziel-Sieg. Jetzt passe ich besser auf, halte ein Auge darauf, wann wer Kisten verschiffen kann, hab' für den Fall der Fälle noch ein Kistchen in der Hinterhand, um punkteträchtige Sammlungen schnell abzuwerten und Boni abzugreifen. Und meine Inderin ist mit ihrem Einkaufswagen die Effizienz in Person. Natürlich kommt dann auch wieder so ein typischer Einwand: „Meinst du mich stört, was die anderen machen, ich gewinne auch so.“ Ja, ja ... so einer muss mal mit Jürgen spielen.

Und außerdem gibt es da noch was ganz Feines – das Nachfragebarometer. Das ist eine Rutsche, in der acht Rollen in den vier Teefarben liegen. Immer, wenn eine Sorte Tee verschifft wird, kommt die unterste Rolle nach oben in die Rutsche. Wie viele Rollen sind zwischen den beiden Gleichfarbigen? Ein, zwei ... sechs? So viele Bonuspunkte sind drin. Verlädt nach mir jemand die gleiche Farbe, ist der Abstand null – macht null Punkte. Verlädt lange Zeit niemand grün, wächst sich der Bonus auf sechs – mit Sonderplättchen sogar auf 12 Punkte aus. Das ist gewaltig viel, das ist gut. Ich denke, diese Nachfragerutsche wird uns Günter Burkhardt sicher noch öfter präsentieren. Mit DARJEELING hat sie einen guten Start, wenn auch erst auf den dritten Blick.

Wolfgang Friebe

DARJEELING von Günter Burkhardt für 2 bis 5 Personen, Abacusspiele 2007

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

Samstag, 17. November 2007

+ Jetset Casino

... spielt auf einer Landkarte, das finde ich eigentlich immer gut und deshalb kam es auch gleich auf den Spieltisch. Auf der Europakarte sind Orte mit Casinos abgebildet; 18 davon muss man besuchen um zu gewinnen. Jeder verfügt über zwei Transportmittel. Ein Auto überwindet nur eine Landesgrenze, ein Propellerflugzeug max. zwei Grenzen, fliegt aber nie übers Wasser. Mit dem Jumbo Jet, der Privatjacht und dem Ozeandampfer kann man schon größere Entfernungen zurücklegen, aber nur Städte mit Hafen bzw. Flughafen erreichen. Beginnend mit dem Startcasino spielt man eine Casinokarte und eine dazu passende Transportkarte aus. Man muss nur von irgendeinem eigenen Casino eine erlaubte Verbindung schaffen. In der Anfangsphase ist das viel schwieriger als im weiteren Spielverlauf. Dann wird es doch arg banal.
Vor dem eigenen Zug kann man den Mitspielern auch noch Karten zum Tausch anbieten. Das sorgt für rege Reisetätigkeit, denn auch wer nicht an der Reihe ist, kommt in Europa herum. So kann man zwei, drei Casinobesuche bewältigen, bevor man wieder an die Reihe kommt. Wichtig ist, dass man in jeder Runde ein Casino besucht. Nur dann darf man 7 ½ spielen. Das ist Black Jack mit Karten von ½ bis 7. Wer es am nächsten an 7 ½ schafft, darf ein Casino für lau besuchen, ohne eine Karte dafür opfern zu müssen. Glückspilze, die genau auf 7 ½ zocken, dürfen sogar zwei Casinos besuchen.
JETSET CASINO hat was von EUROPATOUR, und das war schon in gewisser Hinsicht recht trocken. JETSET CASINO ist aber deutlich belangloser. Ein typisches Machspiel: Man macht so rum oder hin und spielt mechanisch das Spiel runter. So was macht man kein zweites Mal. (wf)

JETSET CASINO von Laurent und Nadege Morelle für 3 bis 5 Personen, Isimat 2006


Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

+ 8 Dragons

Dahinten, in der Galerie der Messe Essen, waren tatsächlich auch noch ein paar Stände ... mit strafvollziehenden Gutmenschen, die allein geblieben sind ... mit internethypenden Tschechen, die jeden Klick zählen ... und mit Igor und seiner Frau. Bei diesen beiden Franzosen bin ich hängen geblieben, bei ihren 8 DRAGONS. Ich habe einfach Igor zusehen müssen, wie er gekonnt einen chinesischen Drachen in die Schachtel pinselte.
Geviertelt findet man diesen Drachen auch auf Karten wieder, und diese vier Karten muss man wieder zusammen fügen. Zunächst liegt alles mit der Bildseite nach unten, zwei Karten darf man aufdecken. Aha! Zeigen beide Karten dieselbe Farbe oder das gleiche Körperteil, darf man beide behalten ... und nochmal aufdecken. Aha! Es gibt aber auch Ereigniskarten. Man verliert oder gewinnt eine oder zwei Karten. Bei einer muss man sogar die Kartenhand tauschen. Bei einer Karte ist Vorder- und Rückseite identisch – das ist eine Niete. So, so! Bevor der Groschen ganz durchrutscht, 8 DRAGONS ist nicht nur ein weiteres MEMORY. Es gibt schließlich nur vier verschiedene Motive in fünf Farben. Da braucht man schon ein gutes Gedächtnis, oder man spielt auf Serie. Denn wie bei MEMORY darf man erneut zugreifen, wenn es passt. Da muss man sich eigentlich nur Farben merken, um sich durch die Auslage zu wühlen.
Man darf aber nur vier Karten auf der Hand halten, deshalb verändert sich die Auslage ständig. Überzählige Karten kommen wieder auf den Tisch. Aber man schafft es trotzdem, einen Drachen zu komplettieren ... und wie üblich sind Kinder die besseren Drachensammler. Wie es um Ihre Konzentration bestellt ist, wissen Sie am besten. Sie sind vorgewarnt, denn es steht schließlich auch auf der hübschen Schachtel: „Gedachtnis und Strategiespiel.“
Wenn man ans Spielende kommt, hat man eine viel schwierigere Hürde sowieso schon genommen. Die Regel ist so was von löchrig übersetzt. Man muss wissen, dass alle Sonderkarten offen liegen bleiben, wenn sie aufgedeckt werden. Das sind Einmalkarten, 1x aufgedeckt, 1x ausgeführt. Das kommt nicht klar rüber, aber erschließt sich aus dem Spiel. Sonst würd's auch nicht funktionieren. Ich wünschte mir 8 DRAGONS mit redaktioneller Überarbeitung: Bessere Regel und mit richtigen Plättchen. Gekauft habe ich mir das Spiel trotzdem, so wie es ist, denn ich habe jetzt auch einen Drachen von Igor in der Schachtel: „zu Wolfgang – Freundschaft – Igor.“ (wf)

8 DRAGONS von Igor Dedic für 2 bis 4 Personen, 1602 éditions 2007, 1602 editions

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay
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